GHOST – baumlos Sattel

Ich habe das Glück einen enorm guten Sattler zu kennen, der als einer der letzten Punziermeister Deutschland seinen Abschluss vor zig Jahren als letzter Ausbildungsjahrgang dieser Arbeiterzunft gemacht hat.

Von selbst gebauten Sätteln über das Anpassen alter wie neuer Sättel, ist er einfach der Beste!

Leider ist dieser Lederkünstler nicht mehr der Jüngste und die Arbeit geht lange nicht mehr so leicht von der Hand wie früher. Auf kurz oder lang, musste für mich und meine Pferde ergo eine Alternative zu Baumsätteln her, da die Baumsättel von einem anderer Sattler nur wieder schlecht als recht angepasst werden würden.

Auf meiner Suche stieß ich auf Reitverleih. Die Inhaberin Sara Kronenberg hat mit Reitverleih nicht nur ein Standbein für sich selbst aufgebaut, sondern für uns Reiter, die sich versuchen im Sattelwirrwarr zu orientieren, eine tolle Orientierungshilfe geschaffen. Bei Reitverleih ist es nämlich möglich die unterschiedlichsten Sättel, aber auch baumlose Varianten und Reitpads für eine kleine Leihgebühr auszuleihen und ausgiebig testen zu können.

So kann man ein Modell genau unter die Lupe nehmen, ohne es vorher teuer anfertigen zu lassen. Es besteht stets eine Kaufoption des Testsattels, oder eine Bestellung des Wunschsattels, aber auch die Rückgabe ohne einen Kauf ist möglich, wenn das Modell nicht zusagt. Wer mag, der kann auch gleich unterschiedliche Modelle oder Hersteller anfragen und dann im Vergleich testen.

GHOST-Sättel waren mir bis dato vollkommen unbekannt!

Über Sara und ihre Beratung, bin ich letztlich auf die GHOST-Sättel gestoßen. Ich konnte mir einige Modelle dieses Herstellers ansehen und testen.

Die Qual der Wahl!

Nebst der unterschiedlichen Designs, muss man aus drei Sitzgrößen die richtige für sich finden. GHOST bietet die Größen Bambini bis ca. Hosengröße 36, Piccolo bis ca. Hosengröße 40 und Standard ab ca. Hosengröße 40 an. Dank Reitverleih kann man sehr kostengünstig testen, ob man besser in Piccolo, oder in Standard sitzt und ob man lieber gerahmter sitzt, oder freier.

Für die ganz, ganz kleinen Reiter mit Shetty, da gibt es von GHOST nochmal zwei Mini-Größen, die aber eher in Richtung „Reitkissen“ gehen und einen anderen Innenaufbau haben.

Das besondere an den GHOST-Sätteln ist der flexible und zu gleich stabile Aufbau des „Skeletts“ (Baum/Basis). Die Sättel haben keinen festen Holz-, oder Fieberglasbaum, aber sie bestehen auch nicht aus rein weichen Materialen. Kunstleder, Leder, ABS, Karbon und Gurte schaffen ein Konstrukt das sich gut an die unterschiedlichen Rückenformen der Pferde anpasst, trotzdem aber mehr Stabilität mit sich bringt, als andere Baumlossättel.

Durch das „schwebenden Skelett“, sitzt der Reiter tallierter, als bei anderen Baumlossätteln und auch auf rundrippigen Pferden kann der schmale Reiter so besser zum Sitzen kommen.

Die Wirbelsäulenfreiheit und die Gewichtsverteilung sind ebenfalls besser gewährleistet als bei anderen Systemen und die klettbaren Trachtenkissen sind dank ihres Inlays nochmals sehr förderlich für die Druckverteilung. Das Schöne an den klettbaren Trachtenkissen ist, dass man die Position ganz perfekt an sein Pferd anpassen kann. Es gibt die Kissen Nr.3, die zu öffnen sind und bei denen man die Polsterung in den Taschen individuell nochmals variieren kann und die Kissen Nr.4, bei denen keine Öffnung vorhanden ist und man somit immer die Standardfüllung drin hat. (Die Kissen Nr. 1 und Nr. 2 haben sich nicht bewährt und werden nicht mehr produziert! ) Ausgangs ist in beiden Kissen die gleiche Füllung vorhanden.

Unterseite der Klettkissen mit Sympanova.

Zusätzlich zu den Sätteln und den Trachtenkissen, gibt es noch diverse unterschiedliche Pads. Die Pads sind ebenfalls mit Taschen versehen, die man unterschiedlich befüllen kann. Jenachdem was das eigene Pferd braucht. Man kann weichere Materialien oder härtere verwenden. Wie man es eben möchte. Die Formen lehnen sich an die unterschiedlichen Designs der Sättel von GHOST an und reichen von Westernformen über englische Decken bis hin zu barocken Pads.

Als Unterseite kann man Sympanova (leichtes neoprenartiges Gewebe), Lammfell oder (Schur-)Wolle wählen. Hier sollte man genau überlegen was man für ein Pferd hat und bedacht wählen. Die Trachtenkissen des Sattels bestehen übrigens standardmäßig auch aus dem pflegeleichten Sympanova.

Unterseite Schurwolle

Zu guter letzt kommen wir zu dem letzten i-Tüpfelchen dieses ausgeklügelten Baukastensystems des italienischen Sattelherstellers GHOST.

Wer sich für eine der drei Sitzgrößen entschieden hat, der kann nämlich ganz einfach unterschiedliche Sitzflächen wählen und innerhalb weniger Handgriffe aus dem Westernsattel einen Springsattel, oder einen Distanzsattel, oder ein Barockmodell machen. Die Sitzflächen passen nämlich alle auf die jeweilige Basis drauf. Lediglich Sitzflächen der Größe Standard passen nicht auf die Größe Piccolo und umgekehrt. Die Sitzflächengröße muss halt nunmal der Basisgröße entsprechen, dann steht einem raschen Umgestalten aber nichts mehr im Wege.

Preislich liegen die Sättel ca. bei 700-800 Euro je nach Modell. Einzelne Sitzbezüge sind für 200-300 Euro nachzubestellen.

Der Preis ist absolut angemessen für das was man bekommt. Die Sättel werden in Handarbeit in Italien produziert und man kann aus Hunderten von Materialien für die Satteloberflächen wählen. Neben Glattleder kann man geölte Nubukleder, Nubukleder (Wildleder), Synthetikleder und andere Stoffe wählen. Die Farbvielfallt scheint grenzenlos. Wer einen pinken, komplett veganen Sattel sucht, der bekommt ihn bei GHOST. Wer eher konservativ unterwegs ist, findet geölte braune Nubukleder, die sehr schnell eine mega coole Lederpatina bekommen.

Glattleder – Schwarz, geöltes Leder – Braun und Wildleder – grün

Die unterschiedliche Sitzdesigns weißen übrigens auch noch unterschiedliche Vorteile auf.

Die Modelle Puro, Quilty, Quevis, Florac, Ferrara und USA (mit Skirt anstelle der Trachtenkissen und mit Horn), besitzen kurze Sattelblätter, die eine besondere Nähe zum Pferd zulassen. Man sitzt in diesen Modellen schmal und kommt ohne störendes Leder toll ans Pferd heran. Gerade für Reiter der klassischen Reitkunst sind diese Sättel besonders toll, aber auch für kleine Reiter, die kurze Beine haben. Die Modelle haben alle unterschiedliche Pauschenformen. Der Sitz ist eigentlich immer gleich, da die Basis ja auch stets die gleiche ist. Lediglich die Formen der Sattelblättet unterscheidet sich noch.

Bei den Modellen Roma, Barocko, Buttera, Veneto und Torino, handelt es sich um die Dressurlinie von Ghost. Die Sättel haben alle unterschiedliche Pauschen und Sattelblätter, weißen aber trotzdem die gleiche Basis wie die andern Modelle auf.

Bei der Classic Linie von Ghost finden sich die Modelle Italy (Vielseitigkeit), Lipica (Dressur) und Flamenco (Spanisch). Das besondere dieser Linie ist, dass die Sättel ein doppeltes Sattelblatt aus Leder aufweisen. Die Gurtung liegt zwischen den zwei Lederschichten, wie man es von normalen Dressursätteln etc gewohnt ist. Der „Sattelbaum“ der Classic Linie ist der Selbe wie bei den zuvor vorgestellten anderen Modellen.

Ich möchte noch auf die Cavallin-Reihe von GHOST verweisen. Der Sitzbezug Buttere, aber auch Heritage oder Crusader passen auf diese Modelle. Hier findet sich jedoch ein vollflexibel Innenaufbau. Der typische GHOST-„Baum“ ist durch reine Schaumstoffschichten ersetzt und diese Modelle sind eher Reitpads, ähnlich der Minisättel von GHOST und verteilen nicht so gut das Gewicht, wie die großen Brüder!

Ganz zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass GHOST diverses Zubehör wie Gurte, Bügelriemen, Fellsitzbezüge und ganze Zaleas anbieten. Der Frontriser und der Sitzverkleinerer können auf die Sitzfläche des GHOST-Skeletts geklettet werden und verkleinern somit die Sitzfläche des Sattels, bzw. machen den Sitz einfach tiefer und man hat mehr Sicherheit als Reiter. Im „Pommel“ ist übrigens ein Metallbügel versteckt, der dem Sattel Stabilität verleiht. Es handelt sich hier um kein Kopfeisen, da der Bügel das Pferd nicht tangiert. Er sitzt vorne im Vorderzwiesel der Sättel und passt sich ans Pferd an. Optimale Passform bei keinem Druck! Der Pommel kann auf Wunsch hin auch versteckt im Sattel montiert werden und man erhält eine Kammer wie bei Englischsätteln.

Reitverleih kann hinsichtlich der Pauschensysteme, der Sattelblattvariationen, der Pads und der Zusatzausrüstung bei der Auswahl behilflich sein und ich kann jedem nur empfehlen mal auf einem GHOST-Sattel Probezusitzen. Obwohl die Modelle baumlos sind, erhält GHOST dennoch das Prädikat „Sattel“ von mir!

Mein GHOST-Sattel

Im Folgenden stelle ich Euch jetzt meinen eigenen GHOST-Sattel vor.

Ich habe mich nach langer Testphase und ausführlicher Beratung durch Reitverleih für einen GHOST Quilty in Piccolo entschieden. Die kurzen, runden Sattelblätter kommen mir entgegen und die kleine sehr gerade Pausche stützt meinen Oberschenkel, ohne das Bein in eine Richtung zu zwingen. Ein gerades Reiterbein ist möglich!

Farblich habe ich mich für ein rotbraunes, geöltes Nubukleder entschieden. Die Oberfläche ist zwar extrem kratzempfindlich, aber das Sitzgefühl auf geöltem Leder ist einfach phänomenal! Kratzer lassen sich sehr leicht beim Fetten rausmassieren und verschwinden dann wieder. Das Leder bekommt sehr schnell eine Patina und den berühmten Usedlook. Auch meine Trachtenkissen haben dieses Leder als Oberfläche erhalten. Ich habe die Kissen Nr.3 mit Öffnung gewählt, da ich so an der Polsterung des Sattels selbst etwas ändern kann, falls ich das bei einem Pferd einmal müsste.

Des Weiteren konnte ich mir ein Wunschpad zusammenstellen! Ich wollte ein Pad, das den Sattel genau abdeckt, aber ansonsten nicht weiter viel hervorsteht. Sara empfahl mir das Modell USA mit Einschubtaschen, damit ich das Pad wie ein Correctionpad nutzen kann. Je nach Füllung kann ich mehr Gewicht verteilen, oder vorne, oder hinten mehr, oder weniger aufpolstern. Die Anpassung eines Baumlossattels erfolgt über das Pad und nicht über die Trachtenkissen!

Pad USA mit Aloe grüner Wildleder-Oberseite.

Da mir das Nylongewebe auf den Standardpads von GHOST nicht so gefiel, entschied ich mich für eine Wildlederoberfläche in Aloe (oliv) grün. Der Lederschutz und die Umrandung des Pads wurden in der gleichen Sattelfarbe und auch aus geöltem Nubukleder gefertigt.

Wildleder, geöltes Nubukleder und Schurwollunterseite

Auf der Unterseite des Pads entschied ich mich für das Schurwollmaterial. Es ist fluffig wie Lammfell, genau so natürlich, aber maschinell und somit gleichmäßiger produziert, als das natürliche Lammfell, das hier und da dickere oder dünnere Haut aufweisen kann. Wie Lammfell, ist Schurwolle sehr wärmeregulierend. Außerdem ist Wolle druckdämpfend und antibakteriell. Lammfell weißt aber schnell die zuvor angesprochenen naturbedingten Unregelmäßigkeiten auf, die den bestpassensten Sattel unpassend machen können. Die maschinell verwobenen Schurwollfasern sind gleichmäßig und ohne Unregelmäßigkeiten. Gegen das Sympanova-Gewebe habe ich mich entschieden, da es chemisch hergestellt ist und ich bei direktem Kontakt zum Pferd einfach Angst hätte, dass in Kombination mit Schweiß bei Taki irgendwelche Reaktionen oder Allergien auslöst werden. Er ist mit der Haut ja eh so sensibel!

GHOST-Sattel Quilty in Größe Piccolo aus rotbraunen geölten Nubukleder. Pad USA mit Einschubtaschen und Aloe grüner Wildleder-Oberseite und Schurwoll-Unterseite.

Der Sattel soll Takis Hauptsattel werden, kann aber auch nach kurzem Umkletten der Trachtenkissen bzw. mit weiterem Wirbelkanal, auch auf Toffy genutzt werden. Man muss beachten, dass sich der Sattel aber setzt und auch geringfügig einreitet. Wechselt man ständig den Sattel auf Pferden ab, kann er sich nicht so gut auf ein Pferd einstellen wie von GHOST vorgesehen. Zunächst sollte man den Sattel auch immer erst auf dem Pferd ohne Polsterpad reiten, bis er sich etwas eingesessen hat. Danach montiert man das Pad darunter und polstert dieses so, wie es das Pferd braucht und gerne hat.

Trotz des „speziellen“ Designs und des „alternativen“ Aufbaus, lässt sich in dem Sattel ganz prima arbeiten und korrekt sitzen.

Erweiterter Erfahrungsbericht

Seitdem ich meinen GHOST Quilty erworben habe, ist einige Zeit ins Land gegangen. Neue Erfahrungswerte kamen hinzu, von denen ich nachfolgend berichte.

Die Ausbildung des Youngsters unter dem GHOST Sattel klappt vorzüglich! So einige Male haben mich bei jugendlichen Buckeleskapaden die aufgesetzten Pauschen gerettet. Taki läuft mittlerweile sehr routiniert und sicher unterm Reiter und es geht mit schwierigeren Lektionen los. Alles gar kein Problem für den Quilty!

Taki mit seinem Ghost Quilty im Schulhalt.

Da der Ghost Sattel so eine gute Arbeit beim Jungpferd macht, zog auch für den Professor ein eigener GHOST Sattel ein.

Quilty und Flamenco in Piccolo

Das Sattelteam wird seit einigen Wochen von einem GHOST Flamenco unterstützt. Das Modell stammt ursprünglich aus der Classic Reihe von GHOST, wurde auf meinen Wunsch hin jedoch als Monoblattversion mit aufgesetzter Pausche in dunkelbraun geöltem Nubukleder gefertigt. Auch der Senior läuft mit seinem Baumlossattel um einiges besser als zuvor und meine positive Einstellung zum GHOST Sattel wurde somit weiter unterstützt.

GHOST Flamenco
Mittlerweile zog ein weiteres Ghost Pad im Flamencoschnitt ein. Die Oberseite besteht aus Wildleder in der Farbe Soul, die Unterseite aus weicher Schurwolle und der Gurtschutz wurde aus T.Moro Fettleder gefertigt.

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑