Viele Reiter kennen das Gefühl der Angst. Oft schämen sie sich für das Gefühl und trauen sich nicht darüber zu reden, oder sich die Angst einzugestehen. Hilfe holt man sich oft aus Scham nicht.
In meinen Unterrichtseinheiten, treffe ich immer häufiger auf Reiter, die insgeheim panische Angst bekommen, wenn sie auf ihrem geliebten Pferd sitzen, sich selbst aber nicht eingestehen können, dass sie Angst haben. Das führt oft zu Vermeidungsstrategien und die Personen überlegen sich ganz tolle Sachen, die sie mit ihren Pferden vom Boden aus machen können.
Der Wunsch, irgendwann wieder zu reiten bleibt und die Versagensgefühle und die Angst ziehen einen mehr und mehr runter.
Die Pferd-Mensch-Beziehung leidet extrem unter den negativen Emotionen und die Freude am Pferd geht verloren.
Im heutigen Blog möchte ich ein paar Schritte zeigen, die nicht nur mir, sondern auch schon vielen meiner Mentee helfen konnten.

Angst ist etwas Natürliches!
Angst ist etwas total Normales. Belastend und störend wird Angst erst dann, wenn sie sich nicht regulieren lässt. Ansonsten ist Angst etwas, das uns vor gefährlichen Dingen und Situationen schützt.
Deshalb muss man sich auch nie für Angst schämen! Es ist sogar gut Angst zu haben! Man muss nur lernen mit der Angst richtig umzugehen. Angst kann sowohl beim Reiter, als auch beim Pferd aufkommen und manchmal schaukeln sich beide Lebewesen sogar hoch und immer mehr in die Angst hinein.
Möchte man nun an der Angst arbeiten, muss man zunächst ein paar Dinge ergründen.
Was ist der Auslöser der Angst?
Angst kann mehrere Auslöser haben. Möchte man die Angst beim Reiten in Angriff nehmen, muss man zunächst herausfinden, ob ein traumatisches Erlebnis, wie ein Sturz, oder auch ein Unfall die Angst auslösen.
Was ist passiert und was war der Auslöser für den Sturz/Unfall? War es mein Fehler? War es unvermeidbar?

Auch der Verlust der Kontrolle kann bei uns zu Angst führen, ebenso das Unbekannte.
Man muss herausfinden, wann die Angst entsteht. Schon beim bloßen Gedanken daran zu reiten, oder erst wenn man aufsteigt, oder sogar nur in ganz ausgewählten Situationen beim Reiten? Man muss sich bewusst machen, warum, weshalb und wann die Angst auftritt.
Angst (auf-)lösen
Um der Angst zu Leibe zu rücken, baue ich das Training so auf, dass ich die ergründeten Probleme behebe.
Habe ich ein Pferd, das schlecht vorbereitet ist und panisch reagiert und meine Angst rührt von der Angst des Pferdes her, bereite ich das Tier nochmal von der Piecke aus neu vor auf seine Aufgabe. Durch das gemeinsame Arbeiten wachsen Mensch und Pferd zusätzlich zusammen.

Hat der Mensch beim Aufsteige Angst, muss das Pferd wie ein Fels in der Brandung stehen, damit der Mensch alle Zeit der Welt hat, sich vollkommen und in Ruhe mit seiner Angst auseinander zu setzen. Hilfreich ist am Anfang auch eine zweite Person, die das Pferd beim Aufsteigen festhält. Auch Longenunterricht hilf dem Pferd wieder zu vertrauen.
Natürlich kann man auch das ruhige Stehen an der Aufstieghilfe mit dem Pferd üben. Auch dabei wachsen Mensch und Pferd zusammen und vertiefen ihre Art miteinander zu kommunizieren.

Angst beim Reiten rührt meistens von einer negativen Erfahrung her. Der Reiter muss lernen, wie er eine Situation, einen Auslöser der eine negative Reaktion des Pferdes fördern könnte, verhindern kann. Kompetenz ist ein guter Ansatz und das Weiterbilden immer eine gute Grundvoraussetzung, um mehr Kontrolle auf dem Pferd zu erlernen. Auch die bessere Ausbildung des Pferdes führt zu mehr „Beherrschbarkeit“ für den Reiter und somit zu weniger Angst beim Reiter.

Gerne bilde ich Pferde sehr ausführlich und gründlich am Boden aus. Zum Einen lege ich dabei sehr viel Wert darauf, dass sie Ruhe kennen lernen und ohne Stress arbeiten, zum Anderen lernt das Pferd den Menschen und seine Art einzuschätzen.
Die regelmäßige Arbeit schweißt zusammen und Probleme lassen sich frühzeitig erkennen und therapieren. Auch die Vorbereitung des Pferdes auf das Reitergewicht ist sehr wichtig. Ein Pferd mit schlechter Muskulatur hat schnell Schmerzen beim Reiten und verwehrt sich nicht selten heftig. Schlecht ausgebildete Pferde wissen nicht wohin mit sich und reagieren panisch. Zack ist der Reiter der Leidtragende.
Hilfreich ist auch stets sich die positiven Dinge vor Augen zu führen, anstatt nur an das zu denken, was passieren könnte, oder passiert ist!
Mut gehört natürlich auch immer dazu, seine Angst zu bekämpfen. Mut das Gruselige zu wagen. Mutig zu sein und über seinen Schatten zu springen! Ohne dass man es versucht, wird man nicht wieder zurück in den Sattel gelangen. Es bedarf auch Mut sich Hilfe zu holen!
Ein weiterer Trick ist, dass man das Pferd vor dem Training etwas ablongiert oder laufen lässt. Aber Obacht, das Pferd soll nicht triefend nassgeschwitzt und tot vor einem stehen. Auch die Konditionen soll dadurch nicht zu sehr aufgebaut werden.
Unsere Geschichte
Mein Nachwuchspony kam Ende 2019 eigentlich „angeritten“ zu mir. Ich wusste nicht genau wie viel mit ihm gemacht wurde. Er war 6 Jahre alt und recht ruhig beim Draufsitzen. Wir tasteten uns langsam voran. Nicht langsam genug!
Es kam ein sonniger Herbsttag, an dem ich gerade im Schritt ritt und plötzlich hob das Pony ab. Ich weiß bis heute nur wage was war. Jedoch muss ich sagen, dass ich noch nie in meinem Leben so lange geflogen bin.

Der Aufprall war gar nicht schlimm. Ich setzte mich wieder drauf und ritt weiter. Am nächsten Tag hatte ich eine Prellung im Rücken. Die Schwellung im Rücken drückte auf den Nerv des rechten Beins und ich konnte dieses eine Woche überhaupt nicht mehr bewegen.
Über den Winter konnte ich nicht viel mit den Pferden aus dem Sattel arbeiten und die Angst vorm Reiten manifestierte sich immer mehr. Erst wollte ich mir als Jahrzehnte lang erfahrener Reiter nicht eingestehen, dass ich Angst hatte. Auch war klar, dass ich nur vorm weiteren Reiten meines Nachwuchsponys Angst hatte. Mein Senior trug mich nach wie vor ohne Angst.
Ich hatte ergo ein Problem mit einem speziellen Pferd und nicht mit allen Pferden. Alle anderen Pferde bin ich ganz normal geritten, ohne ein beklemmendes Gefühl zu haben.

Jedes Mal, wenn ich im Auto saß und nur daran dachte das unerfahrene Jungpferd nochmal zu reiten, drehte es mir den Magen um. Stand ich neben dem Pony und arbeitete ihn, war alles gut. Stand ich auf der Aufstieghilfe, bebte mein Herz, die Knie zitterten und mein Po war so verkrampft, dass ich mehr als ein Mal Muskelkater nur vom auf der Aufstieghilfe Stehen hatte.
Wie konnte ich meine Angst nun bewältigen?
Damit ich mein Nachwuchspony wieder reiten konnte, entwickelte ich einen Plan.
1. Ich musste mir die Angst eingestehen. Offen mit Freundinnen redete ich über meine Angst und mir wurden durch die Gespräche einige Dinge klar.
2. Ich versuchte herauszufinden, was gewesen war, dass Dotaki einen solchen Satz gemacht hatte. Wurde er gestochen? Habe ich ihm weh getan? Hat die Ausrüstung nicht gepasst? Habe ich ihn überfordert? War ich zu schnell und deshalb tat ihm etwas weh? War er wiedersätzlich, weil er ein Jungpferd ist? Ist er lückenhaft ausgebildet? Waren es vielleicht die noch nicht korrigierten schlechten Zähne?
Letztlich kam ich mit zwei Freunden auf das Ergebnis, dass ich sehr sicher mit dem Gebiss an einen der empfindlichen Zähne gekommen sein muss und dementsprechend diese heftige Reaktion ausgelöst habe. Takis Zähne könnt ihr Euch hier im ausführlichen Blogbeitrag ansehen.
Außerdem vermuteten wir, dass seine Ausbildung nicht ganz so gut gewesen ist und er deshalb viel Stress beim Reiten hatte. Das zeigte sich schon beim Aufsteigen. Alleine stehen konnte er nicht. Da hampelte er hektisch herum. Nach dem Aufsteigen lief er direkt los, um den Stress rauszulaufen.
Dazu kam, dass er noch recht verspannt und klemmig im Rücken war und eigentlich nicht mal beim Longieren den Menschen, die Gerte oder Hilfen richtig verstand.
3. Als ich mich dann wieder bewegen konnte, setzte ich dort an, wo ich Lücken in der Ausbildung erkannt hatte. Über den Winter arbeitete ich an den Signalen beim Longieren. Die Kommunikation mit meinem Pony sollte besser werden und das Pferd musste die Kommunikation kennen lernen.
Das funktionierte sehr gut und in kürzester Zeit ließ sich Dotaki sehr gut am Boden manövrieren.
4. An der Longe zeigte sich, dass Dotaki noch ganz schön verspannt war. Wir arbeiteten fleißig und schnell wurde der Trab und auch der Galopp möglich. Ich ärgerte mich immer mehr, dass ich mich zu schnell auf den Ausbildungsstand, der vom Verkäufer angegeben war, verlassen habe.
5. Auch vom Kopf her war Taki nicht so weit gewesen, um souverän unterm Sattel zu brillieren. Er war sehr hektisch, sehr gestresst, sehr unsicher und bekam schnell Angst. Erst mit etwas Zeit, mehr Erfahrung mit der Arbeit mit dem Menschen und mehr Routine wurde er ruhiger. Wir gingen viel spazieren und er lernte Vieles kennen.
Weder gesundheitlich, noch körperlich noch vom Kopf her war Taki also so weit gewesen, um mit dem Reiten zu starten!
6. Eine detaillierte Charakteranalyse brachte mir weitere Erkenntnisse. Ich war mir sicher, dass Taki kein böses Pferd war, aber dass er unsicher ist. Eine klare Linie und kein Druck sind in der Arbeit genau das Richtige für ihn. Ich lernte durch die Charakteranalyse viel Neues über mein Pony, dass mir bewusst zuvor nicht aufgefallen war.
Neue Wege führen zum Erfolg!
Meine neuen Erkenntnisse führten dazu, dass ich entspannt am Boden mit Taki arbeiten konnte. Das tägliche Arbeiten sorgte für Vertrauen auf beiden Seiten und es kribbelte mich mehr und mehr in den Fingern wieder zu reiten.
Ich träumte davon, was mein Ziel ist und vor meinem inneren Auge manifestierte sich ein Bild, wie ich auf Taki sitze.
Dieses Bild half mir das Positive zu sehen.

Ich beschloss mir so viel Zeit zu nehmen, wie es nunmal braucht! Es war mir egal geworden, dass mein Pferd bald 7 Jahre alt wird und dass es Menschen gibt, die der Meinung sind, dass mein Pferd schon längstens unterm Sattel sein müsste!
Dotaki war noch nicht so weit. Er war nicht locker genug, falsch bemuskelt, hatte Schmerzen und verstand noch nicht alles. Warum soll ich auf Menschen hören, die meinen Pferd nicht kennen und nur in Daten denken?
Nachdem ich die ganzen Vorurteile abgeschüttelt und das Pony vom Boden aus optimal gelöst und vorbereitet hatte, waren die Angst und die Zweifel auf ein Minimum geschrumpft.
Ganz in Ruhe, sogar im Herdenverband, damit Taki die Ruhe der Herde spührt, übten wir regelmäßig das Aufsteigen. Taki wurde so gelassen und ruhig, dass ich immer sicherer wurde.

Natürlich zitterten am Anfang noch die Knie und der Po war angespannt, aber gemeinsam schaukelten wir das Problem. Taki wurde sicher und routiniert und ich merkte, dass Taki mich nicht abwirft.
Als ich mich sicherer fühlte, machte ich ein Fotoshooting aus. Wir machten einfach nur schöne Standfotos mit den Pferden. Es tat mir gut mich auf etwas anderes zu konzentrieren, als auf das Pferd, während ich darauf saß. Ich fühlte mich sehr wohl, als ich nach kurzer Zeit abstieg und die Fotos taten mir zusätzlich gut. Mein inneres Bild war nun Realität geworden und immer wenn die Angst etwas zurück kehrt, gucke ich die Bilder an und weiß, dass wir schon einen großen Schritt geschafft haben.

Wir trainierten fleißig am Boden weiter. An der Longe baute Taki gut Kraft auf und die Galoppeinsprünge wurden sauber. Die Ausrüstung haben wir nochmal angepasst. Ein anderes Gebiss, ein anderer Sattel. Die regelmäßige Arbeit auf dem Reitplatz sorgte für viel Ruhe im Pferd. Er fühlte sich auf dem Platz wohl und von Stress und innerer Ungelassenheit war keine Spur mehr.
Es war dann ein ¾ Jahr nach dem Sturz endlich wieder möglich Dotaki weiter einzureiten. Zwar war ich ihn bei gefühlt 40 Grad Außentemperatur bei der Vorbesitzerin Schritt und Trab geritten, aber schon da hatte ich gemerkt, dass er nicht wirklich rund geht. Deshalb wollte ich langsam das Einreiten voran bringen, aber letztlich führte erst der Sturz dazu, dass ich wirklich 100% richtig die Ausbildung anfing.
Getrabt war ich Dotaki daheim vor meinem Sturz nicht, da er noch nicht so weit war. Trotzdem war ich zu schnell und wurde „gefeuert“. Wir waren zu schnell und deshalb freut es mich jetzt so sehr, dass wir neben dem ruhigen Auf- und Absteigen, einem gelassenen Schritt und dem schmerzfreien Tragen des Reitergewichts, endlich auch die ersten Trabschritte wagen konnten. Auch diese waren sehr gelassen und ruhig bei maximaler Kommunikation!

Wieder einmal sieht man, dass es sich lohnt in kleinen, kompetenten Schritten auszubilden und viel Wert auf die Basis zu legen. Dann ist auch Angst ein leicht zu bewältigendes Problem!
Ich freue mich nun darauf mit Taki den weiteren Weg zum Reitpferd gehen zu können und zwar vollkommen angstfrei und souverän!
Der Vorfall hat mir gezeigt, dass auch ein erfahrener Reiter nicht davor gefreit ist Angst beim Reiten zu entwickeln. Er hat mich daran erinnert, dass man langsam vorgehen soll und dass man stets besser 5x überprüft wie ein Pferd so tickt. Fremdmeinungen müssen einem total egal sein und man darf sich niemals auf eine Verkaufsbeschreibung verlassen. Viele Pferde kennen das Reitergewicht, das heißt aber nicht dass sie kompetent angeritten sind! Man muss IMMER prüfen was ein Pferd wirklich kann und lieber man fängt nochmal bei 0 an, als dass etwas Schlimmes passiert!

Nach einem weiteren Jahr reiterlicher Ausbildung befinden wir uns an dem Punkt, dass die Angst in allen Lebenslagen verschwunden ist. Außerdem ist mein Fuchs ruhig und sicher geworden und auf unserer soliden Basis konnten wir aufbauen und bereits Reiterlich recht weit kommen.


Hinterlasse einen Kommentar