Die Gig – Immenhof Feeling

Im letzten Blogbeitrag konnte man viel Wissenswertes zum (Ein-)Fahren von Pferden nachlesen. Im heutigen Blogbeitrag geht es um die Restauration meiner fast 100 Jahre alten Gig.

Historie der Gig

Eine Gig ist ein einachsiges, zweirädriges Fuhrwerk, mit dem einspännig gefahren wird.

Die Gig wurde erstmals im 17. Jahrhundert in Paris gebaut und genutzt.

Kleine Gig

Nur noch selten wird mit einer Gig zweispännig in Tandem-Anspannung gefahren. Das Gabelpferd trägt dann traditionell ein Kumt, das Vorderpferd ein Brustblattgeschirr.

Die Gig ist der Vorgänger der Kabriolett. Eine Kabriolett hat einen ähnlichen, einachsigen Aufbau, mit einem kleinen Dach.

Im Vergleich zu einem Sulky hat eine Gig einen wesentlich höheren Schwerpunkt. Oft werden sehr große Räder genutzt, aber auch halbhohe Räder sind üblich.

Die Odysee der Gig

Ich weiß noch, dass ich mir schon immer einen Sulky wie ihn die Amish People in Amerika haben, wünschte.

Für die Shettys ist es ja aber ohnehin schon schwer genug eine passende Kutsche zu finden. Nicht zu groß, nicht zu schwer, am besten zweiachsig wegen der besseren Gewichtsverteilung – Schwubs, sind wir bei 2.500 Euro. Mindestens! Dazu kommt, dass ich nie so viel Platz hatte, um eine zweiachsige Kutsche gut zu lagern. Auch nicht eine kleine Shettykutsche.

Als ich Muffin damals kaufte, bekamen wir einen Sulky mit.

Krumm, verbogen, dreckig mit misserablem Aufbau.

Dieser Sulky war leider ein einziger Unfall. Mal davon abgesehen, dass er wohl wirklich einen Unfall gehabt hatte, war sein Aufbau total ätzend. Das Orthscheid war oberhalb der Gabel vorgesehen. Die Zugstränge kreuzten somit unverweigerlich die Gabel. Diese war sowieso total verbogen.

Das klapprige Teil mit unangenehm niedrigen Schwerpunkt diente uns für die Anfänge des Einfahrens. Wir nutzen den Sulky aber vielleicht 3x bevor wir ihn zerlegen und die brauchbaren Teile behielten, während der Rest in die Tonne wanderte.

2. Mal vorm Sulky. Trotz Klapperkiste macht Muffin das großartig.

Es muss was Gutes her!

Mein Shettyhengst wurde täglich besser in der Handarbeit und im Fahren vom Boden. Wir wollten endlich loslegen und unser einziges Problem war der Sulky.

Ich machte mich auf die Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz und fuhr Muffin in der Zwischenzeit mehr und mehr vom Einrad aus.

Training vorm Einrad.

Eines Tages fand ich dann auf Kleinanzeigen eine Anzeige, in der ein wunderschöner Holzsulky verkauft wurde. Motorradanhänger ans Auto ran und ab ging es 4,5h in den schönen Ruhrpott; Sulky abholen!

Ich war so verliebt in die Bilder! Der Preis war auch richtig gut. So sehr hatte ich mich gefreut so ein schönes Fuhrwerk zu besitzen, dass mir die insgesamt 9h Hängerfahrt total egal waren.

Ein Traum von Sulky. 😍

Die ganze Fahrt über bangte ich, dass der Sulky auf dem Hänger Schaden nimmt. Die Londen waren nicht leicht zu verstauen gewesen und fühlten sich so wackelig an. Daheim beim Abladen holte mich die Realität sehr schnell wieder ein.

Ich begann den Sulky zu reinigen und pflegen und da sah ich es!

Mich traf fast der Schlag! Die linke Londe war mittig gebrochen. Das Holz hielt nur noch durch ein angeschweißtes und aufgeschraubtes Blech. Schluderlichste Pfuscharbeit und ich hatte es in der Dämmerung auf dem schwarzbraunen Holz mit schwarzem Metallteil nicht gesehen!

Die Achse krumm, die Londe gebrochen, die Holzspeichen locker, die Bremse verbogen…

Unter Tränen kniete ich vor meinem Holzhaufen und war am Boden zerstört! Was hatte ich da nur gekauft? Warum hatte ich wieder mal so ein Pech und warum ist das ausgerechnet mir passiert?

Die Restaurierung beginnt.

3 Deltaschleifer und unzählige Stunden später…

Wir zerlegen den gesamten Sulky. Die mit schwarzer Farbe zugekleisterten Metallteile, schliefen wir mit Deltaschleifern tagelang ab. Unter den Lackschichten konnte man erkennen, dass irgendwann einmal jemand in wunderschöner Handarbeit kleine Ornamente und Linien mit Goldfarbe aufgezeichnet hatte. Die Handarbeit war nicht zu retten! Die Farbe musste komplett ab!

Danach folgten die Holzteile, die ebenfalls plötzlich in wunderschönem Hellgelb erstrahlten. Gerade die alten Holzspeichen der Räder raubten uns dann den letzten Nerv. Es war so unglaublich viel Arbeit die Farbe von den Speichen zu schleifen. Sogar einer der Deltaschleifer ging kaputt.

Nachdem alles abgeschliffen war, klebten wir die Speichen in mühevoller Handarbeit mit Epoxidharz in die Narben ein.

Die Speichen werden in die Narbe neu eingeklebt.

Als nächstes mussten wir das größte Problem lösen. Die gebrochene Londe musste ersetzt werden. Das war aber gar nicht so leicht. Genau die gleiche Londe zu finden war unmöglich! Ich hätte gleich beide Londen ersetzen müssen und da ich unbedingt wieder Holz nutzen wollte, wäre jede Londe bei ca 250 Euro gelegen. Viel zu teuer!

Wir entschieden uns dann dafür die kaputte Londe professionell zu reparieren. Es wurde das gebrochene Stück gerade herausgesägt und durch ein neues Holzstück ersetzt. Mit einem Bohrer wurden lange Löcher in die Holzstücke gebohrt. Darin wurden mehrere Stifte eingeklebt und die Stücke wurden so wieder zu einem stabilen einzigen Stück.

Die reparierte Londe mit fertig eingeklebtem neun Teil.

Es folgte das dreifache Streichen des Rahmens mit Klarlack. Die Grundlage für meinen Sulky war fertig. Mit jedem Mal streichen wurde das Holz und seine Maserung schöner und ich freute mich immer mehr auf die Fertigstellung.

Nachdem alles getrocknet war, konnten wir starten und die ersten Teile wieder zusammenschrauben. Wir nutzten nur hochwertige Schrauben und stabile Kleinteile, damit der Sulky wieder wie neu wird.

Während die Holzteile dann ein letztes Mal trockneten, sprühte ich die Metallteile wieder Mattschwarz an. Mein Vater sägte derweil neue Trittbrettchen zurecht, damit der Boden des Sulkys auch wieder stabil wurde und ich musste dann nochmal alle Brettchen streichen.

Ohne meinen Vater hätte ich das Projekt niemals gepackt. Er hatte mehrfach die rettende Lösung für diverse sehr ätzende Probleme.

Der Garten ist eine einzige Baustelle.

Nach 14 Tagen unentwegtem Schrauben, Streichen, Tüfteln und Beten, hatten wir das Grundgerüst fertig. Der Sulky erstrahlte in einem wunderschönen Honiggelb. Lediglich das Frontbrett und die Bodenbrettchen fehlten noch.

In den folgenden Tagen informierte ich mich ausführlicher zu meinem Sulky. Mir fiel auf, dass ich gar keinen Sulky gekauft hatte, sondern eine Gig. Der hohe Schwerpunkt definierte mein Fuhrwerk eindeutig als Gig. Die weggeschliffenen Ornamente verrieten mir, dass die Gig ca. 70-100 Jahre alt sein musste und in Handarbeit von einer kleinen Manufaktur in Norddeutschland hergestellt worden war.

Vorher & Nacher

Nachdem ich so viel über meine Gig herausgefunden hatte, war ich Feuer und Flamme und wollte endlich probieren, ob die Gig an Muffin passt.

Es geht los!

Die brennenste Frage von allen war, ob die Gig überhaupt zum Pferd passt? War die ganze Arbeit vielleicht umsonst? Könnte ich mein Traumfuhrwerk vielleicht gar nicht benutzen oder behalten?

Die fertige Gig im Stall.

Als wir also endlich mit allem fertig waren, luden wir die Gig auf und brachten sie in den Stall zu den Pferden, die damals noch in einem Einstellverhältnis lebten.

Das Anschirren von Muffin ging Ruck Zuck und ich hoffe so sehr, der kleine Mann würde zu der Gig passen und mit ihr klar kommen.

Erste paar Minuten an der Gig.

Ich spannte an und lief mit Muffin ein paar Runden auf dem Hof. Er gewöhnte sich schnell an die Gig und wir liefen uns gemeinsam warm. Schon beim Warmlaufen fiel mir auf, dass die Gig sehr ausbalanciert läuft. Sie kippt nicht stark nach hinten oder zu sehr nach vorne. Dann liefen wir zur Straße, ich setze mich auf den Bock und das obenstehende Foto entstand. Ich musste dann noch ein paar Mal absteigen und das Geschirr anpassen und hier und da etwas kürzen und neue Löcher rein machen, aber dann passte alles.

Leider musste ich gerade an Muffins Hintergeschirr die Riemen deutlich mehr Schlitzen und den gesamten Umgang sehr stark nach oben holen. Das MiniMini-Geschirr passte ihm nämlich immer noch nicht richtig, aber ein kleineres Geschirr war auf dem Markt nicht zu finden.

MiniMini Geschirr wird zu MiniMiniMini Geschirr.

Wir übten dann den Winter über sehr fleißig und probierten unterschiedliche Verschnallungen aus. Dazu kam ein anderes Fahrgebiss und mal mehr und mal weniger Fell.

Muffin und die Gig sind für einander gemacht! Er passt super zwischen die Londen und die Abstände zur Gig sind wie abgemessen für ihn. Lediglich vorne zum Hals hin waren die Londen zu lang. In den Kurven pieksten sie ihm in den Hals und ich musste irgendetwas ändern!

Der erste Herbst – wir fahren fleißig.

Wir trainierten erst Mal auf sehr vielen geraden Strecken in der Ebene, ohne enge Kurven. Es klappte so gut, dass ich sogar meinen Großen zu den Ausfahrten mitnahm. Der kleine Mann wurde zu einem richtigen Arbeitstier und genoss es immer mehr sich richtig im Tempo lang zu machen und zu strecken.

Wenn wir gerade aus fuhren, war alles super. Muffin fand gut in sein Tempo hinein und lief sich schnell ein.

Der Sommer ist da und wir beginnen zu dritt Ausfahrten zu machen.

Je besser wir wurden, um so höher wurden auch die Ansprüche an die Gig. Es nervte mich mehr und mehr, dass wir keine engen Kurven drehen konnten und mir fiel einfach nichts anderes ein, als die Londen zu kürzen.

Ich haderte wirklich sehr mit mir. Die so schön restaurierten Gig einfach mit der Säge bearbeiten und die Londenspitzen abkappen? Niemals!

Aber all das Verstellen und anders Gurten, half nichts! Muffin zeigte mir in den Kurven immer deutlicher, dass das so nicht geht und letztlich nahm ich die Säge und zack fehlten 10cm Londe auf jeder Seite.

Mit gekürzten Londen geht es jetzt auch schneller um Kurven.

Eine Ausfahrt!

Wenn wir zu einer Ausfahrt aufbrechen, putze ich zunächst den Zwerg. Es wird dann das Geschirr geholt, aufgehangen und überprüft.

Es ist sehr wichtig, dass das Geschirr sauber von Schweiß und anderen Verunreinigungen ist. Gerade im Winterfell klebt gerne das Fell am Leder fest. Trocken lässt es sich gut abbürsten und mit einem Lederpflegetuch hält man das Leder schön geschmeidig.

Ich setze auch heute noch auf gute altmodische Ledergeschirre. Gut gepflegt legt sich das Material genau um das Pferd herum. Das Naturprodukt staut keine Hitze und ist hochwertig. Ich bin kein Freund der Siltec Geschirre. Diese sind zwar billig und schön bunt, aber die Auflagefläche ist trotz Neoprenpolster sehr viel schärfer und einschneidender. Ein gutes Ledergeschirr lässt sich wesentlich genauer an das Pferd anpassen und liegt einfach besser und stabiler als so ein paar Kunstseilchen und Neoprenpolster.

Die Ausrüstung wird vorm Anschirren geprüft.

Das Anschirren geht schnell und einfach von der Hand und Muffin muss nur kurz angebunden am Putzplatz warten, bis ich die Gig aus der Kammer gezogen habe.

Ich spanne sehr gerne auf großen Flächen mit Platz und in der Ebene an. Da meine Gig keine Feststellbremse wie moderne Kutschen hat, würde alles andere auch gar keinen Sinn machen, da sie wegrollen würde. Wenn man die Gig selbst zieht merkt man, dass sie einen sehr großen Bereich hat, in dem sie sich in der Balance befindet. Selbst ich mit meiner Größe ziehe sie mit viel zu steilen Londen noch sehr angenehm. Sie kippt nicht nach hinten oder drückt stark nach unten, wenn ich mich klein mache. Das ist natürlich für das Pferd sehr gut. Die Gig kann sich ca 40cm im Winkel neigen, ohne dass eine spürbare Lastveränderung zu verzeichnen ist. Das ist beim einachsigen Fahren sehr gut und wichtig.

Die Gig wird geholt.

Muffin kann sowohl selbstständig zwischen die Gabel treten, oder er tritt an die hochgestellte Gig heran und lässt diese genau über sich klappen. Natürlich kann man bei wenig Zeit auch die Gig ans Pferd heran schieben ohne Probleme.

Das Anspannen geht immer sehr schnell. Muffin steht sehr ruhig und ist ein richtiger Profi geworden.

Wir gehen ca 15 Minuten Schritt und machen uns warm. Danach ist die Hauptgangart eigentlich Trab. Muffin läuft im Trab ein sehr gleichmäßiges Tempo und es ist nicht all zu anstrengend. Auch Galopp kann er an der Gig sehr gut laufen. Das ist gar nicht so einfach am Anfang. Der Einachser schaukelt im Galopp auf und ab und die Pferde müssen den Galopp an der Gig oder dem Sulky erst lernen. Da hat eine Kutsche wirklich den absoluten Vorteil mit zwei Achsen beziehungsweise vier Rädern.

Angespannt und los geht es!

Obwohl die Holzgig recht schwer ist im Vergleich zu Leichtbaukutschen, zieht der 80kg Muffin sie sehr gut. Die Gig ist wirklich sehr toll gebaut worden und man merkt wie ausbalanciert sie läuft. Der hohe Schwerpunkt und die sehr gerade laufenden Londen sind hier sehr zuträglich.

Das Pferd hat kaum Gewicht im Rücken. Das ist bei Zweiachsern extrem selten geworden und der neumodische Billigschund den es in Form von Sulkys heute zu kaufen gibt, ist zwar leichter, aber auch weniger gut ausbalanciert. Es hebelt die Pferde nach oben aus, oder drückt ihnen extrem in den Rücken.

Muffin und Nepomuk haben Spaß.

Ich bin mittlerweile extrem froh meine Gig gefunden zu haben und mein Pony zeigt mir jedes Mal, dass er auch sehr zufrieden ist. Er zieht vor allem in letzter Zeit extrem flott und hat Energie ohne Ende. Für 1km benötigen wir 10 Minuten, was für so ein kleines Pferd schon ein enorm gutes Grundtempo ist.

Ich kann die Gig alleine sehr gut handhaben und habe den hohen Schwerpunkt lieben gelernt. Man sitzt einfach doch noch recht hoch und die Gig fährt sich dadurch extrem angenehm.

Einziges Manko sind die furchtbar harten Blattfedern. Mein Rücken dankt es mir jedes Mal, wenn ich zu lange Fahre. Aber auf das bisschen Luxus verzichte ich gerne bei den ganzen positiven Punkten und dieser Immenhof-Optik!

Ein kleiner Nachteil an Holz ist, dass man es nicht biegen kann. Die Schere ist minimal zu breit für Muffin, was sich aber zum Glück über das Geschirr ausgleichen lässt. Trotz des leicht erhöhten Platzes schwimmt das Pony nicht in der Gabel.

Blick von der Gig aus auf das fleißige Bienchen.

Nach der Ausfahrt wird Muffin direkt abgespannt und abgeschirrt. Er wälzt sich dann meistens direkt und ich reibe ihn mit einem Schwamm an den Stellen ab, wo das Selett oder Brustblatt lagen. Danach wälzt er sich meistens nochmal ausgiebig und bekommt eine Portion Futter.

Fazit:

In guten Zeiten fahren wir 3x in der Woche ca 15km. Die Gig macht trotz ihres restaurierten Status alles gut mit.

Lediglich auf holprigen Graswegen galoppieren und traben wir nicht. Die Bremse ist nicht mehr die Beste, was aber einfach am System 1:1 liegt. Da wir aber nur in der Ebene fahren, stört uns das wenig. Für das bisschen Bremsen reicht die Art von Bremse vollends aus.

Für meinen Shettyhengst hätte ich kein besseres Fuhrwerk finden können und ich bin auch nach so vielen Jahren immer noch begeistert! Einen ausbalancierteren Einachser hab ich nie gesehen.

Mein Ziel ist es, irgendwie mit Muffin und Toffy und der Gig ein Tandem Gespann aufzubauen, aber da hapert es einfach noch etwas an der Verschnallung von allem.

Sollte das mit einem Tandem nicht klappen, dann ist das auch nicht schlimm. Muffin alleine zieht die Gig schon überragend genug und ganz nebenbei sehen wir mit dieser Gig immer richtig dolle nach „unsere Kleine Farm“ oder Immenhof aus und jeder hat ein Lächeln im Gesicht, der uns fahren sieht.

Nach der Fahrt. Pony hat gut geschwitzt und ist schon abgespannt.

Kommentare sind geschlossen.

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑