Pferde (ein-)fahren

Da es ja schnell langweilig wird, wenn man immer das Selbe mit den werten Zossen macht, trainiere ich mit meinen Pferden sehr vielseitig. Auch die unterschiedlichen Veranlagungen führen dazu, dass man andere Arbeitsideen bekommt.

Gerade mein nur 76cm kleiner Shettyhengst möchte genau so bewegt und gearbeitet werden, wie ein großes Pferd. Das gestaltet sich aber eher etwas schwierig bei seinem Maß. Das Kutsche fahren ist deshalb eine tolle Möglichkeit auch den kleinsten der Truppe auszulasten.

Jungpferde können ebenfalls sehr gut Muskeln aufbauen, wenn sie etwas ziehen müssen beziehungsweise schleppen. Das Fahren sollte man also nicht komplett vergessen in der Ausbildung.

Wie fängt man mit dem Einfahren an?

Damit die Pferdeausbildung gefahrlos und ohne Stress von statten geht, gewöhnt man die Pferde behutsam an ihre neue Aufgabe.

Zunächst sollten die Pferde sehr gut an der normalen Longe gehen. Das kann auch schon ein Jungpferd üben, das am Anfang seiner Ausbildung steht. Das Pferd sollte in allen drei Gangarten gehen können und die Signale des Menschen verstehen.

Sicheres Longieren ist die Basis des Einfahrens.

Wenn das Pferd bereits solide an der Longe geht, beginnt man entweder damit das Pferd an der Doppellonge zu arbeiten und so die doppelseitige Zügelhilfe einzubauen, oder man startet mit der Handarbeit. Auch mit Zweiterem lässt sich dem Pferd die Idee des Zügels vermitteln.

Losgehen, Anhalten, Biegung, Stellung und Umstellen können in der Handarbeit sehr gut vorbereitet werden.

Bei der Doppellongenarbeit ist es Ratsam die Longe nicht in der Kniekehle des Pferdes entlang zu führen. Die Pferde rucken sich bei jedem Schritt sonst selbst im Maul. Man sollte lieber die Leinen über den Rücken des Pferdes und am Besten über Umlenkrollen laufen lassen.

Natürlich kann man die Doppellongenarbeit und die Handarbeit auch miteinander kombinieren und so für etwas Abwechslung sorgen. Es gibt viele tolle Lektionen, die das Pferd in der Handarbeit erlernen kann und die das Einreiten vorbereiten können.

Klappt die Handarbeit beziehungsweise die Doppellongenarbeit aus dem FF, wechselt der Leinenführer die Position und tritt hinter das Pferd. Das Pferd wird nun vom Boden gefahren und gewöhnt sich daran, dass die Leinen an der Flanke und an der Kruppe entlang laufen und dass der Mensch hinter ihm her geht.

Am Anfang sollte man zunächst etwas Sicherheitsabstand zu den Hinterbeinen einkalkulieren und dementsprechend lange Leinen nutzen. Ich persönlich mache die ersten Einheiten immer ohne Longiergurt, da ich die Führposition so sehr schnell variieren kann und vom Neuen, Ungewohnten zum Gewohnten wechseln kann.

Ich persönlich gehe als nächsten Schritt gerne zum Fahren vom Einrad über. So kann ich das Pferd in allen drei Grundgangarten fahren, ohne dass ich hinterher rennen muss, aber auch ohne dass ich anschirren, oder schon eine Kutsche nutzen müsste.

Mein Shettyhengst das erste Mal vorm Einrad.

Sobald das Pferd seinen Job kennt, beginne ich es mit seinem Arbeitsmaterial bekannt zu machen. Zunächst nur ein Gurt, dann ein ganzes Geschirr und später auch ein Hintergeschirr.

Man sollte immer darauf acht geben, dass das Geschirr dem Pferd auch passt. Nicht jedes Pferd kommt mit dem gleichen Geschirr klar. Es gibt das Joch, das Kumt, das Brustblattgeschirr und das Marathonkumt. Am weitesten verbreitet ist das Brustblattgeschirr, dass es gerade oder auch anatomisch geschnitten gibt. Ich persönlich setzte nach wie vor auf Ledergeschirre und bin kein Fan von Kunststoffgeschirren oder Seilgeschirren.

Ein gerades Brustblattgeschirr mit Hintergeschirr.

Das Anschirren des Pferdes sollte mehrmals in Ruhe geübt werden. Die vielen Riemen und Gurte wackeln und rutschen bei Bewegung hin und her und das Pferd darf nicht in Panik geraten, wenn das Geschirr z.B. auf der Kruppe mal etwas „dopst“. In Folge der angenommenen Ausrüstung, kann man das Pferd nun daran gewöhnen, dass es erwas Gewicht zieht. Das bringt Routine und vor allem Kraft.

Toffy zieht einen Reifen mit einem anatomischen Brustblattgeschirr und Zugstranghalteriemen. Anmerkung: Ein Orthscheid sollte immer zwischen Pferd und Last angebracht werden. Es gleicht die Gangbewegung des Pferdes aus und verteilt das Gewicht gleichmäßig.

Wer es bis hier hin geschafft hat, dem fehlt nicht mehr viel, um Sonntags eine gemütliche Ausfahrt machen zu können.

Wenn man ein Zugobjekt gefunden hat, muss man das Pferd auch hier langsam daran gewöhnen das klappernden, steife Ding, ohne Angst zu betrachten. Wer auf Nummer sicher gehen will, der kann das Pferd auch erst mal neben der von Hand gezogenen Kutsche herlaufen lassen. Das Pferd kann sich alles genau angucken und kann verstehen.

Die Pferde müssen lernen, schön vor der hochgeklappten Schere der Kutsche stehen zu bleiben und diesen gruseligen „Bügel“ über sich klappen zu lassen. Erst wenn das total ruhig und ohne Angst oder Gehampel von statten geht, übt man das Anspannen. Dabei steht ein Helfer immer vorne am Pferd und hält dieses an der Trense. Eine zweite Person spannt das Pferd ordnungsgemäß und in richtiger Reihenfolge an.

Schließen des Schweifriemens. Dieser hält das Selett, sowie das Hintergeschirr in Position.
  • Zuerst die Londen/Schere/Deichsel rechts und links am Selett in den Augen befestigen.
  • Als Zweites die Zugstränge am Orthscheid fixieren.
  • Der dritte Schritt ist das Anbringen der Aufhalteriemen des Hintergeschirrs an den Scherbäumen. (Wicklung beachten)
  • Turniergeschirre und bessere Freizeitgeschirre haben noch einen Schlagriemen, der nun geschlossen wird. Er verhindert, dass die Pferde den Po lupfen können, so etwas haben meine Geschirre aber nicht.

Eine kleine Faustregel unter Fahrern lautet, dass ein gutes Fahrpferd immer zur Kutsche hingefahren wird. Das heißt, dass das Pferd sich so zur Kutsche hinmanövrieren lässt, dass die Kutsche am Platz stehen bleibt. Das geht sowohl beim Ein- als auch beim Zweispänner und zeigt direkt, wer die Basisausbildung zuvor ordentlich, oder eben nicht so ordentlich ausgeführt hat. Die Pferde müssen Vorwärts, Rückwärts, Seitwärts und allerlei Drehungen im Schlaf verstehen und ausführen können. Wer sein Pferd ergo nicht zur Kutsche bringt, sonder nur die Kutsche zum Pferd, sollte nochmal einen Schritt zurück gehen und nochmal üben!

Wie geht es nach dem Anspannen weiter?

Sobald das Pferd sicher am Wagen verschnallt ist, steigt der Fahrer auf und nimmt seine Sitzposition ein. Erst wenn der Fahrer sein „Go“ gibt, lässt der Beifahrer das Pferd los und steigt ebenfalls auf.

Zu Beginn der Ausbildung sollte man das Pferd erst noch führen. Auch dabei sitzt der Fahrer schon auf dem Bock und die zweite Person führt das Pferd. Mehr und mehr übernimmt der Fahrer die Aufgabe der Kommunikation.

Muffin zieht zum zweiten Mal einen Sulky mit leichter Gewichtszuladung. Ich laufe bei ihm noch mit, da ich ihm nicht direkt so viel Gewicht zumuten wollte. Er macht das prima!

Mein Tipp für ein souveränes Fahrpferd: Nicht direkt losfahren. Erst noch ein paar Sekunden warten und den Losgehmoment selbstbestimmen. So lernt das Pferd von Anfang an, dass es trotzdem ruhig stehen bleibt, auch wenn es niemand hält. Wann es los geht und in welcher Gangart, gibt stets der Kutscher an und nicht das Pferd.

Was muss man noch beachten?

Bevor man losfährt sollte man unbedingt nochmal begutachten, ob alles richtig sitzt.

Das Brustblatt muss so sitzen, dass die Luftröhre an der Kehle nicht gequetscht wird und das Vorderbein noch gut vorgreifen kann. Das Buggelenk darf nicht blockiert sein.

Die Scherbäume sollen gut im Auge des Seletts liegen, ohne diese nach vorne oder hinten zu ziehen. Gerade bei einem Einachser wie einem Sulky oder einer Gig, ist es wichtig, dass der zweite Bauchgurt so verschnallt ist, dass die Schere nicht zu weit nach oben kippen kann und auch nicht zu weit Richtung Boden abkippt. Generell sollte ein Einachser gut ausbalanciert laufen, aber das mögliche Spiel der Augen muss stimmig eingestellt sein.

Das Hintergeschirr ist nicht bei allen Geschirren vorhanden, aber auch dieses ist gerade bei Einachsern vor allem ohne Scheibenbremse ein absolutes Muss. Der Umlaufriemen, auch Umgang genannt, des Hintergeschirrs soll eine Hand breit unter dem Sitzbeinhöcker liegen. Bei Shettys ist das logischerweise etwas weniger als eine Hand breit.

Wünschenswert ist es, dass die Zugstränge und das Brustblatt bei Zug eine gerade Linie ergeben. Ein Knick an Brustblatt und Zugstrangverbindung führt zu unangenehmen Druck vorm Widerrist. Außerdem sollten Zugstränge und Scherbäume parallel und ohne Kreuzung verlaufen. Je paralleler die Zugstränge zum Boden verlaufen, um so besser ist die Lastverteilung (Faustregel: bis zu 15 Grad anstieg zum Boden sind ok). Leider gibt es heutzutage eine Menge Kutschen, bei denen das Orthscheid über den Londen angebracht wird und eine Kreuzung entsteht. Teilweise reiben die Zugstränge am Pferd oder an der Schere. Das ist eine ungünstige physikalische Verteilung.

Muffin die erste Minuten in seiner neuen Gig. Das Brustblatt ist noch etwas zu weit unten. Ebenso das Hintergeschirr. Der Schweifriemen war noch zu lang. Zugstrang und Scherbaum verlaufen schön parallel zueinander.

Wer sein Pferd lange, gesund fahren möchte, der sollte auf die oben beschriebenen Punkte sehr viel Wert legen. Auch der Konditionsaufbau, Kraftaufbau und das Training von Sehnen, Bändern und Muskeln beim Fahren auf viel Beton, muss gut und durchdacht von statten gehen.

Gut vorbereitet, steht einer schönen, gemütlichen und sicheren Ausfahrt nichts mehr im Weg!

Wer sein Pferd bedacht ausgebildet hat, der kann auch allerhand Blödsinn machen, wie z.B. im Winter Schlitten fahren.

Ich habe meine Pferde bisher alle einspännig ausgebildet. Während Shettyhengst Muffin sehr gut an der Gig geht, hat mein Norweger Toffy eher Spaß daran gemütlich den Schlitten durch den Schnee zu ziehen, oder an Holz rücken während der jährlichen Baumpflege.

Vorm Einrad gehen Muffin und Toffy sogar auch zweispännig, allerdings haben wir noch keine richtige Einstellung gefunden, um die Pferde mit diesem Größenunterschied an eine Kutsche anzuspannen.

Zweispännig vorm Einrad im Galopp.

Wer gerne lesen möchte, woher und wie wir unsere Gig aufgebaut haben, der darf sich schon mal auf den nächsten Blogbeitrag freuen.

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